Der Spreewaldkeiler

Sicherlich ist es das Neue, das Unbekannte, das uns Jäger aufregend in die Zukunft schauen lässt. Ursprung und Neugier sind andere Worte, die mir hierzu spontan einfallen.

Ähnlich verhält es sich mit Jagdeinladungen seltener Art in Reviere, dessen Namen wir kennen, aber nie erleben durften. Ein jeder Jäger ist gefangen vom Zauber der Fremde.

„Besucht uns doch mal im Spreewald“ sagte Andre zu mir im zeitigen Frühjahr und schon war diese aufregende, kindliche Vorfreude wieder da. „Spreewald“, wer kennt dieses bekannte und beliebte Reiseziel vieler Touristen nicht. Der Name kommt aus dem sorbischen und heißt „die Sümpfe“, schließlich war ich schon als Tourist an der Spree und wusste etwas über die Geschichte.


© Wildmeister Jens Krüger | Spreewaldschönheiten. 

Noch heute wird die Sprache und Kultur der ersten Siedler, den Sorben gepflegt. Im Spreewald ließen sich die Sorben bereits im 6.Jahrhundert nieder. Mit flachen Kähnen stakten sie durch die zahllosen Wasseradern, transportierten Feldfrüchte, Vieh, Fisch und Wild. Ja, das ist die Abgeschiedenheit, die wir Jäger so lieben.

Die natürlichen Flusslaufverzweigungen der leise, dahin fließenden Spree zieht sicherlich jedes Jägerherz in den Bann. So kamen die langersehnten Tage, schließlich ist Vorfreude, die größte Freude und viel zu schnell waren die Tage wieder vorbei. Aber lassen Sie mich von dem Jagdtag erzählen:

Andre, selbst Pächter im Revier, hielt frühmorgens als Jagdleiter die Ansprache. Alle kannten sich seit ihrer Kindheit, so dass ich mich vorerst ein wenig unwohl fühlte und mir fremd vorkam. So war ich froh, dass Rene dabei war, den ich mittlerweile ganz gut kannte und mein Freund Heinz, aus unserem Dorf, den ich als Begleitperson mitbringen durfte. Zügig ging es hinaus in drei kleinen, flachen Flussbooten. Jäger haben dort Ausnahmegenehmigungen und dürfen dabei kleine Bootsmotoren einsetzen.


© Wildmeister Jens Krüger | Aufbruch per Boot.

Vorerst ging es durch die historische Ortschaft. Zudem noch erwähnenswert: Nicht ein einziger Tourist. Man fühlte sich in eine andere Zeit versetzt, hatte das Gefühl, dass die Zeit stehen geblieben war. Dann öffnete sich das ausgedehnte Niederungsgebiet aus Auen- und Moorlandschaften. Was für eine mythische Landschaft.

Die Schützen waren abgestellt. Rene, Heinz und meine Wenigkeit bekamen zum Schluss zwei Stände zwischen den großen Schilfflächen eingewiesen. Am Stand angekommen, tat sich eine unglaubliche Ruhe auf. Viel schöner kam mir alles vor und beeindruckte mich gewaltig, ja das ist das Neue. Es hatte leicht gefroren, nichts aber auch wirklich nichts, war zu hören. Tiefes Schweigen, ja wir nahmen die Stille in uns auf. Der gefrorene Schnee vom Vortag knirschte ein wenig unter unseren schweren Schuhen. Wenig später hörten wir die Treiber. Reineke schnürte an uns vorbei, war aber nicht frei. Andre wollte das Rotwild nicht vorzeitig beunruhigen. Das erste Treiben war vorbei. Kein Schuss fiel, die intelligenten Sauen ließen sich nicht aus dem Schiff treiben. Andre berichtete von Sauenkontakt. Eine Rotte wechselte aber nur im Schilf hin und her und die vorsichtigen Hunde waren intelligent genug, sich nicht auf einen Kontakt einzulassen.

So schnell wie Andre mit seinen Treibern kam, so schnell war er auch im Halmenmeer wieder verschwunden. Das Hou-Hou der Treiber verschwand weiter im tiefen Sumpf als ein Rotschmalspießer hochflüchtig auf Renes Stand wechselte. Ich sprach ihn durchs Fernglas an. „Der würde passen!“ sagte ich Heinz. Schwache Schmalspießer bis Lauscherhöhe waren frei. Als der Jüngling im Bruch verhoffte, erreichte ihn auch Renes saubere Kugel. Na, das war doch auch ein Erlebnis für Heinz.

Wenig später ein Schuss vor uns, der die Sinne verschärfte. Keine Minute später ein Überläufer, der das Schilfgebiet verlassen wollte. Dann, wie so oft, automatische Reflexe. Ansprechen mit dem offenen Auge, die Waffe lag schon an der Wange. Der Daumen hatte die Waffe entsichert und als der Rotpunkt leicht vor der Schulter saß, brach auch schon der Schuss. Der Überläufer schlegelte nur noch. Ich freute mich mit Heinz, denn es war seine erste Jagd als Standbegleitung.

Wieder brach ein Stück Rotwild aus. Ein einzelnes Kalb, das den Fehler beging, kurz zu verhoffen, um ins Treiben zurückzuäugen. Renes Kugel saß abermals sauber und das Rotkalb brach kurz vor unserem Stand zusammen. Als ob es nicht schon mehr als genug ist, kam uns wenig später ein Rotalttier. Erst war ich unentschlossen, aber dann kam der Jäger wieder durch. Einzelne Alttiere waren frei und es beging den gleichen Fehler. Kurz vor der nächsten Schilffläche verhoffte es und ich konnte die .308 sauber auf die Schulter setzen. Das Alttier brach im leisen Knall des Schalldämpfers zusammen. In Anwesenheit eines Nichtjägers ist es stets angenehmer, wenn das Stück im Knall zusammenbricht. Aber Heinz ist Tierarzt. Sicherlich hat er schon vielmehr Tiere sterben sehen.

Weitere Schüsse fielen und meine innerliche Ruhe konnte nicht lange weilen. „Jens! Sau!“ kommt von Rene herüber gerufen. Heinz meint sogar, im Schilf etwas zu hören. Aber mit meiner Schwerhörigkeit vernehme ich nichts. Wieder stehen wir angespannt wie Flitzebögen, versuchend zu hören, zu sehen, irgendetwas wahrzunehmen. Nur nichts falsches, nur keinen schlechten Schuss, schießt mir durch den Kopf. Sauen sind – bis natürlich auf führende Bachen – aufgrund der ASP im Nachbarkreis, alle frei.

Ein großer Schatten schießt kurz ersichtlich durch die Schilffläche. Hat er uns im sicheren Schilf wahrgenommen, die Tuschelei von uns mitbekommen? Weit entfernt und von uns wegziehend sehen wir die Sau wieder. Sicherlich wieder ein Stück Schwarzwild, das weiß, wie es seine Schwarte retten kann, denke ich. Doch im gleichen Moment dreht das Stück und kommt auf uns zu. Ich bin kein Meister im Ansprechen von Schwarzwild, aber das, was da auf uns zuwechselt, ist ein Urian wie wir sie aus Bildern und aus Filmen kennen.

Viele Jäger hegen den lebenslangen Wunsch so etwas einmal zu erleben, was sich in der Realität oftmals aber nie erfüllt. Im Zielfernrohr erkenne ich die weit heraustretenden Gewehre. Das Haupt wirkt größer als der Körper. Der Leuchtpunkt liegt sauber auf dem Blatt, doch die Entfernung ist mir zu weit. Anstatt großer Unruhe kommt Besonnenheit in mir auf. Hätte ich die Stärke dieses Keilers gewusst, hätte ich wohl Jagdfieber bekommen. Ein Kulturzaun versperrt ihm den Weg. Er muss näher kommen. Er kann nur über den Bruch in die nächste sichere verschilfte Sumpffläche.

Abermals geht es wie automatisiert. Der Leuchtpunkt sitzt vor der Schulter. Er ist nicht hochflüchtig, nein, im leichten Troll. Im Schuss kein Zeichnen, kein Einbrechen und ohne es bewusst zu merken, ist die zweite Kugel aus dem Lauf. Wieder kein Zeichnen. Er erreicht den Bruch. Erle, Erle, dann wieder Erle. Im Mitschwingen sehe ich mehr Baum als Keiler und in der Verzweiflung sitzt der dritte Schuss viel zu weit vorn. Er hat die Lücke gerade erst erreicht. Aber was ist das? Noch bevor er seinen ersehnten Schutz im sicheren Einstand erreicht, rolliert der Koloss im dichten Jungwuchs, ohne dass wir ihn weiter sehen können.

Puuh, war das ein Traum oder war es Wirklichkeit? Heinz musste mich kneifen – nein es war die Realität. Sollte ich meinen Lebenskeiler erlegt haben? Fragen über Fragen, wer kennt eine solche Ungewissheit nicht. Eben der Sache noch absolut sicher, kamen Gewissensbisse auf. War er rauschig, war er vielleicht doch erst vierjährig? Erfolg und Misserfolg säumen den Weg eines Jägers so schnell. Grenzenlos glücklich, tieftraurig in Sekunden widerfährt es einem Weidmann so oft. Es dauerte eine Weile, bis die Treiber mit Andre nach dem Treiben wieder zu uns kamen. Sie fanden Renes Kalb und zogen es zum Boot. Die Ungewissheit blieb.


© Wildmeister Jens Krüger | Bergen des Wildes.

Wenig später wurde der Spießer geborgen. Endlich, Andre kam auf uns zu. Ich sollte ihn zu den erlegten Stücken einweisen, sie würden daraufhin weiter treiben. Beim Überläufer ging der Daumen nach oben, beim Alttier auch. Die Einweisung zum Keiler in weiterer Entfernung dauerte etwas länger. Doch dann entdeckte Andre ihn. Kein Daumen nach oben, aber dann:

„Mein Gott was für ein Spreewälder Keiler,“ schallte es im Auenwald. Andre war außer sich vor Freude. Was für ein aufrichtiger Waidmann. Oder müsste ich Waidgenosse sagen? Ich weiß es nicht. Er freute sich außerordentlich über die Erlegung eines kapitalen Hauptschweines in seinem heimatlichen Revier, während wir unseren Keiler immer noch nicht in Augenschein nehmen konnten.

Das nächste Treiben war wesentlich kürzer, aber es schien eine Ewigkeit zu dauern. Als Rene endlich das Zeichen zum „Hahn in Ruh“ gab, hielt uns nichts mehr auf dem Stand. Am alten Bassen angekommen, kam eine tiefe Bewunderung auf.


© Wildmeister Jens Krüger | Der glückliche Erleger.

Seine Größe überstieg doch die Erwartungen in großem Maße. Die Gewehre schauten 8 cm aus dem Kiefer, sind fehlerlos und das Wichtigste: Der Keiler war nicht ansatzweise rauschig und somit voll verwertbar. Wir schätzten ihn auf knappe 150 kg.

Heinz konnte meine grenzenlose Freude nicht so richtig verstehen. Doch wie können Nichtjäger uns Jäger überhaupt verstehen? Wir Jäger verstehen diesen alten Urinstinkt ja oft selbst nicht.


© Wildmeister Jens Krüger | Der Keiler ausgepunktet.

Die erste Bewertung wenige Tage später brachte Folgendes hervor:

  • Gewehrlänge(cm) 24,0 links / 23,8 rechts
  • Gewehrbreite(mm) 25 links / 25 rechts
  • Hardererumfang(cm) 7,5 links / 7,6 rechts
  • Zuschläge 4 Punkte
  • Ergebnis 118 CIC Punkte (Silbermedaille)

Es gibt sie also doch noch in deutschen Revieren: Heimliche, reife Keiler trotz ASP.


© Wildmeister Jens Krüger | Wildbergung mit dem Boot.

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