Jetzt Freihalteflächen berücksichtigen

Nach den vergangenen extrem trockenen Jahren, einhergehend mit zunehmenden Borkenkäferschäden, verändern nun auch noch die jüngsten Frühjahrsstürme, allen voran „Sabine“, in vielen Regionen das Waldbild. Aber nicht nur die Strukturen der Wirtschaftswälder, sondern auch die Lebensräume für etliche Wildtiere, wandeln sich in kürzester Zeit drastisch. Für die nächsten fünf bis zehn Jahre sorgen üppige Äsungsverhältnisse und dichteste Einstände für eine optimale Lebensgrundlage aller Schalenwildarten. Gleichzeitig wird die Situation uns vor neue Herausforderungen stellen, um seiner Mitverantwortung für die Zukunft des Waldes in unseren Breiten gerecht zu werden. 

© Wildmeister Matthias Meyer

Nach der Beseitigung des Sturm- und Käferholzes entstehen quasi von heute auf morgen überall in den Wäldern mehr oder weniger große Freiflächen. Die plötzlich eintretenden Standortbedingungen verändern natürlich auch die Artenzusammensetzung auf den bisher stark durch den Baumbestand beschatteten Flächen. Die nun völlig von der Sonne beschienenen Gebiete lassen insbesondere die über Jahre im schattigen Boden dahin schlummernde Krautvegetation geradezu explodieren. Licht liebende Arten wie das Waldweidenröschen, der Fingerhut, Himbeere und Brombeere, aber auch niedrige Beerensträucher erscheinen meist schon nach wenigen Wochen und beherrschen bald die Freifläche. Sie treiben üppig und gewähren den Schalenwildarten, besonders aber dem Rehwild, neben einem reich gedeckten Tisch spätestens ab dem zweiten Standjahr, zusammen mit der inselartig vorhandenen Naturverjüngung und den ersten Pionierbaumarten wie Weiden und den Sorbusarten, einen deckungsreichen Einstand. Nahezu unsichtbar kann sich das Reh nun an der neu entstandenen begehrten Äsung gütlich tun, ohne gefährliche Wanderungen unternehmen zu müssen. In den Folgejahren wird sich der örtliche Rehwildbestand nicht nur aufgrund einer immer schwieriger werdenden Bejagung, sondern in erster Linie aufgrund flächiger optimaler Äsung und schützender Deckung aufgrund vielfältiger Freiflächen- und Waldrandsituationen innerhalb des Waldes kräftig vermehren können. Nicht nur im Hinblick auf eine günstige Entwicklung der später einmal forstlich nutzbaren, artenreichen Waldverjüngung, sondern auch im Interesse eines gesunden und qualitativ starken Rehwildbestandes muss es ein gemeinsames Anliegen von Waldbesitzer, Förster und Jäger sein, frühzeitig und gleichbleibend den Rehwildbestand in seiner Entwicklung kontrollieren zu können. 

Eine konsequente und dabei qualitätsorientierte Schalenwildbejagung gelingt aber nur, wenn das Wild auch für den Jäger sichtbar ist. Flächige dichte Einstände erschweren sowohl die Einzeljagd als auch jede effektive Art von Bewegungsjagd, denn jegliche Chance zum Ansprechen und einen sicheren Schuss fehlen meist ganz. Neben der konsequenten Einplanung und Nutzung bereits bestehender forst- logistischer Requisiten (Holzlagerplätze, Wegebanketten, Erdwege, Wildwiesen, Leitungstrassen) sollten sich die Verantwortlichen für Jagd und Forst bereits frühzeitig nach der Räumung an die Planung der durch Kalamitäten neu entstandenen Waldfläche machen. So lange wie die Fläche noch nicht wieder in Bestockung gebracht ist, lassen sich viele Maßnahmen deutlich kostengünstiger und für eine langfristige jagdliche Nutzung gewinnbringender gestalten. Dabei bieten sich im Wesentlichen drei realistische Varianten an. 

1. Forstwege begleitende Äsungsstreifen 

Reichen die Kalamitätsflächen bis an Forststraßen heran, muss die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, parallel entlang dieser Wege Äsungsstreifen anzulegen. Je nach Gelände können die Streifen beiderseits der Straße angelegt werden oder auch nur einseitig. Um nicht unnötig Holzbodenfläche zu verlieren, reicht eine Breite von ein bis zwei Maschinenbreiten (in der Regel ist die Maschinenbreite 2,50- 3m breit) vollkommen aus. Für eine jagdliche Nutzung genügt eine maximale Länge von einhundert Metern. Am einfachsten und kostengünstigsten gelingt die Anlage mit einem Forstmulcher oder einer Forstfräse, die oberirdisches Material im ersten Arbeitsgang zerkleinert und im zweiten dann ca. 25cm in den Waldboden einarbeitet. Die nun geebnete Fläche eignet sich zur Einsaat von Daueräsungsflächen. Sie werden einmal eingesät und stehen dann meist für drei bis fünf Jahre dem Wild als Äsungsstreifen zur Verfügung. Anfallende Pflegekosten bestehen je nach Verbissdruck in einer jährlichen Mahd überalterter und verholzter Pflanzen.  


© Wildmeister Matthias Meyer | Äsungsstreifen entlang von Forststraßen können mit wenig Aufwand maschinell bearbeitet werden. 

 Als Saatmischung eignet sich insbesondere für Rehwild eine reichhaltige Klee- Kräuter- Mischung, ergänzt mit schmackhaften Süßgräsern und Waldstaudenroggen sowie Hafer als anfänglicher Deckfrucht. Die Saatgutkomponenten sind allesamt eher robust und anspruchslos gegenüber Standortvorgaben.  

© Wildmeister Matthias Meyer | Für Rehwild sollten wir möglichst artenreiche Äsungsgemische zusammenstellen. Als Konzentratselektierer bevorzugt das Reh eiweißreiche Leguminosen, Getreide, Raps- und Kohlsorten sowie eine abwechslungsreiche Untersaat mit Klee- und Kräutersorten.

 

Daher gelingt ihre Ansaat selbst dort, wo eine Düngung aufgrund rechtlicher Vorgaben nicht ausgeführt werden darf. Wo es hingegen zulässig ist, kann man mit wenig Aufwand bereits über eine entsprechende Düngergabe die Attraktivität steuern. So wird einerseits das Wild häufig und sichtbar auf die Fläche gezogen, was zumindest für eine gewisse Zeit den Abschuss erleichtert, andererseits im Rahmen einer Intervallbejagung auch den Verbiss aus der Forstkultur zieht. Für den Waldbesitzer ergeben sich mit den Äsungsstreifen ebenfalls Vorteile, denn zumindest abschnittsweise entlang der Streifen können Forststraßen deutlich besser abtrocknen als in dunklen, dichten Beständen. Der Unterhalt für den Wegebau sinkt und im Falle eines späteren Holzeinschlags bieten ihm die Äsungsflächen zeitlich begrenzte Holzlagermöglichkeiten, ohne dass Beschädigungen am stehenden Bestand in Kauf genommen werden müssen. 


© Wildmeister Matthias Meyer | Mit der Forstfräse kann man auch die durch die Holzernte zerfahrenen und stark verdichteten Gassen wiederverwenden und als Äsungsfläche aufwerten. 

© Wildmeister Matthias Meyer

2. Rückegassen und Krähenfüße zur Wildäsung nutzen 

Sämtliche Forstflächen müssen im Rahmen der späteren Bewirtschaftung über Rückegassen erschlossen werden. Normalerweise erfolgt deren Anlage, wenn der Bestand aus dem Dickungsalter herauswächst. Die Holzerträge sind hingegen beim Aufschneiden der Gassen eher nebensächlich. Im Hinblick auf die jagdliche Nutzung der Verjüngungsfläche in der Verbiss relevanten Aufwuchsphase böten frühzeitig festgelegte Gassen hingegen nur Vorteile. Die logistische Erschließung der Forstfläche mit einer Forstfräse spart auf der Kahlfläche wahrscheinlich eher Kosten ein als bei der späten Variante. Für einen Zeitraum von mindestens zehn Jahren können die angelegten Gassen als Äsungsflächen genutzt werden und erleichtern den Schalenwildabschuss deutlich. Werden an einigen Stellen zusätzliche so genannte „Krähenfüße“ von einer Ansitzeinrichtung ausgehend im späteren Stadium angelegt, können die Flächen sogar bei Bewegungsjagden erfolgreich genutzt werden. Mit Äsungsschneisen erschlossene Forstkulturen gewähren nicht nur dem Wild die Möglichkeiten, jederzeit den dichten Einstand zu verlassen, um wertvolle Äsung aufzunehmen, sondern erleichtern dem Jäger die Erfassung des Wildbestandes und den zeitlichen Aufwand für die Jagd. Rehwild ist eine Wildart, die streng kleinterritorial lebt. Wenn die Bejagung den Bestand qualitativ und zahlenmäßig kontrollieren soll, gelingt das daher nur auf einer Vielzahl von solchen freigehaltenen Flächen, die in Bezug auf die Äsung attraktiver gestaltet sein sollen als der eigentliche Einstand. 

3. Wildäcker und Verbissgehölze als Freihalteflächen 

Eine weitere Möglichkeit, Rehwild für die gezielte Bejagung sichtbar zu machen, sind punktuelle Freihalteflächen inmitten von großen forstlichen Kalamitätsflächen. Die Größe der jeweiligen Fläche sollte zwischen 1000 und 2000 Quadratmetern liegen. Zudem wählen wir sinnvoller Weise eine eher rechteckige als eine runde oder quadratische Ausdehnung, die zudem in Ost- West- Richtung angelegt werden sollte, um auch bei dem in Zukunft rasch wachsenden Baumbestand in der unmittelbaren Umgebung möglichst lange für Wild und Jagd nutzbar zu bleiben.  

© Wildmeister Matthias Meyer | Sturmflächen eignen sich gut, temporäre Freihalteflächen anzulegen. Das ermöglicht eine effiziente Bejagung und senkt den Wildverbiss am Nutzholz. 


© Wildmeister Matthias Meyer

Wo es die rechtlichen und/ oder klimatischen sowie standorttypischen Vorgaben zulassen, kann der Jäger die Anlage eines Wildackers in Betracht ziehen. Wenngleich es für Rehwild nicht sonderlich notwendig ist, anspruchsvolle und ertragreiche landwirtschaftliche Feldfrüchte im Wald anzubauen, um es erlegen zu können, entwickeln sich insbesondere im Winterhalbjahr derartige Plätze zu wahren Magneten für das Wild der näheren und weiteren Umgebung. Mit einem entsprechenden Angebot an Äsungspflanzen lassen sich Wildbestand und Wildschadensentwicklung – vorausgesetzt, Art und Intensität der Bejagung sind angepasst – effektiv steuern und kontrollieren. Allerdings schlagen Wildäcker mit ihrer teuren Anlage von der Stockrodung, Kalkung und Düngung, hohen Saatgutkosten bis zu einer relativ intensiven Pflege beträchtlich zu Buche. 

Stehen Argumente gegen die doch recht kostenintensive Anlage eines Wildackers, lässt sich eine forstliche Freihaltefläche auch mit weniger finanziellem Aufwand attraktiv für das Wild gestalten. Wichtig dabei ist allerdings auch hier, dass das Wild einen Grund hat, die allseits schützende Deckung verlassen zu müssen. Ist beispielsweise ein Befahren oder eine maschinelle Pflege untersagt, kann der Jäger nur mit der vorhandenen standörtlichen Vegetation arbeiten. Rehwild als Typ des sogenannten „Konzentratselektierers“ hat ein eher einfach aufgebautes Verdauungssystem. Das macht es notwendig, dass Rehe nur eine leicht verdauliche und nährstoffreiche Äsung aufnehmen können. Sie besteht im Wesentlichen aus Knospen, Trieben, frischen Blattaustrieben und krautigen Pflanzen und ihren Blüten. Gräser, wie sie die Hochwildarten bevorzugen, sind daher für das Reh eher uninteressant. Mit mehrmaligen Pflegeschnitten, ausgeführt mit dem Balkenmäher oder dem Freischneider sollten wir allerdings nur abschnittsweise den Bewuchs der Freihaltefläche niedrig halten. Wichtig ist, dass dem Rehwild immer frische Triebe zur Verfügung stehen. Verholzte Pflanzenteile nimmt es nicht mehr als Äsung an. Gelingt es, den Graswuchs zu unterdrücken und stattdessen die Artenvielfalt bei den Kräutern zu erhöhen, dankt es das Rehwild mit entsprechender Präsenz auf der Fläche. Grundsätzliche Bedingung hierfür ist es, den Eintrag von Nitrat in den Boden deutlich zu reduzieren. Dazu wird es notwendig sein, das Mähgut zumindest in den ersten Jahren der Pflege von der Fläche zu entfernen, abzufahren oder abseits zu lagern. 


© Wildmeister Matthias Meyer | Rehwild liebt als Konzentratselektierer Knospen, Triebe und Kräuter. Verbissresistente Sträucher sind als Prossholz beliebt. Diese Flächen müssen mindestens jährlich mit geeignetem Werkzeug gepflegt werden.  


© Wildmeister Matthias Meyer

Rehwild liebt Knospenäsung. Mit einem vertretbaren Aufwand kann der Jäger daher, wenn sich die betreffenden Sträucher nicht sogar von selbst einstellen, einige beim Reh beliebte und besonders Verbiss resistente Sträucher möglichst in kleinen Gruppen auf oder an den Rand der Freihaltefläche setzen. Bereits nach wenigen Jahren wachsen sie zu kleinen Deckungsinseln heran und untergliedern die gesamte Freihaltefläche mit unterschiedlich hohen Strukturen, die dem Rehwild ein zusätzliches Sicherheitsgefühl geben. Prossholz müssen regenerativ sein, um den starken Verbiss an allen oberirdischen Trieben und Blättern dauernd ertragen zu können. 

Hohe Aufmerksamkeit bringt Rehwild Ahorn, Eiche, Esche, Hainbuche, Wildobst, Tanne, Kornelkirsche, Liguster, Pfaffenhütchen, Hartriegel, Haselnuss, Wildrosen, Sal- und Strauchweiden sowie Himbeere und Brombeere entgegen. Wo es erlaubt ist, kann eine gelegentliche Düngergabe mit Kali und Phosphat direkt an den Verbissgehölzen den Verbiss noch fördern und von den forstlichen Pflanzen der Umgebung ablenken. Generell lagern Kräuter und Sträucher, die an sonnenbeschienenen Flächen wachsen, deutlich mehr Inhalts- und Geschmacksstoffe ein als Schattenpflanzen und sind daher beliebter. Der Jäger kontrolliert also auch die Strauchgruppen und hilft gelegentlich durch Beschneiden mit, sie in einer Höhe zu halten, dass das Rehwild sie mit dem Äser erreichen kann. Stark ausladende oder überalterte Sträucher können dabei auch gerne mal komplett auf den Stock gesetzt werden, um dem Rehwild neue zarte Triebe anbieten zu können. 

Egal, für welchen Typ von Freihalteflächen man sich entscheidet, sollten sich Grundbesitzer, Förster und Jagdausübungsberechtigter frühzeitig nach der Räumung einer Kalamitätsfläche auf die Anzahl, Lage und Größe abstimmen. Sinnvoll kann eine klare, kurze Skizze der Ergebnisse, insbesondere auch über Absprachen hinsichtlich Kosten und Pflegeeinsatz sein, damit es später nicht zu Irritationen kommt. In jedem Fall sollten im Beisein aller Beteiligten die Eckpunkte der Anlage dauerhaft festgelegt werden. Bei der Umsetzung der Maßnahme sollten neben den Wünschen oder Vorgaben des Eigentümers auf jeden Fall gesetzliche Vorgaben beachtet werden.  

Äsungsstreifen entlang von Forststraßen machen natürlich nur Sinn, wenn sich dort der Publikumsverkehr in Grenzen hält. Streben wir später einmal versteckt gelegene Freihalteflächen, Daueräsungsflächen oder sogar Wildäcker an, dürfen sie nicht von Wegen einsehbar sein. Vielmehr achten wir auf einen breiten Deckungssaum und legen auch eventuelle Zufahrten nur unscheinbar und durch den Baumbestand schlängelnd an, um sie vor Besuchern beruhigt anzulegen. Zwar dienen sowohl Äsungsstreifen als auch Freihalteflächen dem Abschuss, erfüllen aber darüber hinaus auch den Zweck, das Wild mit dem Verbiss ganzjährig aus den Forstkulturen herauszuführen. Um zu vermeiden, dass das Wild die Fläche mit ständigem Jagddruck und dem Menschen in Verbindung bringt, muss sehr genau darauf geachtet werden, dass hier nicht ständig angesessen wird, dass die elementaren Grundsätze wie Wind, Erreichbarkeit und Verhalten auf dem Stand eingehalten werden. Am sinnvollsten ist es sicherlich, wenn sich der Jäger generell über seine Rehwildbejagung eine Intervallstrategie zurechtlegt und darauf achtet, sie auch diszipliniert umzusetzen. Wie oben bereits erwähnt, lebt Rehwild streng kleinterritorial.  

© Wildmeister Matthias Meyer | Freihalteflächen sollten, wenn immer möglich, nicht von Straßen und Wegen her einsehbar sein. 

Daher ist es für die kontrollierte Bejagung weit vorteilhafter, verteilt über die Waldfläche – oder zumindest für die in Begründung stehenden Waldabteilungen – genügend Freihalteflächen einzuplanen und einzurichten. So erreicht der Jäger nicht nur zielführender seinen Rehbestand, sondern entzerrt insbesondere den Jagddruck und schafft sich je nach Störung, Wind und Abschusserfüllung zusätzliche Ausweichmöglichkeiten. Denn eins ist sicher. Das Wild stellt sich sehr schnell auf die menschliche Nachstellung ein und wird nahezu unsichtbar. Nur wer seinem Wild auch entsprechend Sicherheit, Ruhe und Äsung anzubieten vermag, wird notwendige Abschüsse tätigen können und einen zukunftsträchtigen Waldumbau mit Wild hinbekommen.

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