Gerade in der durch Menschenhand geprägten Kulturlandschaft gibt es eine Vielzahl von Lebensräumen. Einige zeichnen sich durch eine hohe Artenvielfalt besonders aus. Gerade sie zu erhalten oder neu zu schaffen ist nicht nur Aufgabe des Naturschutzes. Hier ist der Jäger gefragt, seinem Wildbestand mit intakten Lebensräumen den Platz in der Kulturlandschaft zu sichern. Eines dieser artenreichen Juwelen ist die Streuobstwiese.
© Wildmeister Matthias Meyer | Früher war die Streuobstwiese hinter dem Bauernhof oder am Dorfrand ein alltäglicher Anblick. Heute gestalten und pflegen vielfach Gartenbauvereine und Obstliebhaber die alten Streuobstwiesen. Das Bewahren alter Obstbaumsorten gehört auch zur Heimatverbundenheit.
Streuobstwiesen sind ein uraltes Kulturgut und entstanden aus der Not heraus. Bis weit ins vorige Jahrhundert hinein prägten sie – wenn auch mit regionalen Unterschieden – die ländliche Gegend. Fast jeder Bauer hatte eine mit alten Obstbäumen bestandene Wiese hinter seinem Hof, an jedem Dorfrand gab es Obstbaumalleen und häufig säumten sie so manchen Feldweg. Die Dorfbewohner ernteten das frische Obst zum täglichen Bedarf, verarbeiteten den Überschuss zu Kompott, Marmelade oder Dörrobst oder in flüssiger Form zu Saft, Most oder Schnaps. Zugleich diente der Grasschnitt unter den Obstbäumen als kräuterreiches, nahrhaftes Viehfutter. Der hohe ökologische Wert von Streuobstwiesen besteht also in der Kombination einer regelmäßigen extensiven Nutzung von hochstämmigen Obstsorten mit weitem Pflanzabstand und dem mageren Grünland darunter.
Die alten, knorrigen Stämme der Obstbäume mit ihren Hohlräumen und morschen Astlöchern sind insbesondere für viele seltene und bedrohte Vogelarten Grundlage und Bedingung ihrer Existenz. Steinkauz, Wiedehopf, Wendehals, Grünspecht, Rotschwanz, Würger und Pirol sind nur einige wichtige Vertreter für den Lebensraum Streuobstwiese.
© Wildmeister Matthias Meyer | In dem weichen Holz der Apfelbäume entstehen mit der Zeit hauptsächlich an den Schnittstellen stärkerer Äste Brutgelegenheiten für viele Höhlenbrüter.
Daneben gibt eine ganze Reihe von Tier- und Pflanzenarten, die hier ihr Dasein haben. In der rauen Borke von Apfel und Birne leben Käfer und Spinnen, seltene Blütenpflanzen können nur auf den nährstoffarmen Böden gedeihen und locken weitere Insekten von der Biene bis zum Falter. Das Fallobst ernährt nicht nur Bilche und den Igel, sondern auch das Wild vom Hasen über das Schalenwild bis hin zu den Marderarten und den Fuchs. Selbst Fledermäuse finden aufgrund des hohen Insektenaufkommens ein lukratives Jagdrevier. Mit allein über 5.000 nachgewiesenen Tierarten zählt eine Streuobstwiese mit altem Baumbestand zu den artenreichsten Lebensräumen, die es in Mitteleuropa gibt.
© Wildmeister Matthias Meyer | Die extensiv gemähten Streuobstwiesen beherbergen eine Vielfalt von Insekten. Bei nur seltenem Maschineneinsatz bieten die oberirdisch angelegten Nester der Wiesenameisen für die Rebhuhnküken lebenswichtige Nahrung
Leider verschwanden im Zuge der Industrialisierung ab Mitte des 20. Jahrhunderts mehr als zweidrittel aller Streuobstflächen, da sie trotz ihrer Doppelnutzung für die zunehmend industrielle Form der Landwirtschaft nicht mehr rentabel waren. Heute zählt die Streuobstwiese zu den aussterbenden Nutzungsarten. Mittlerweile finden sich zunehmend Befürworter, die sich in Zeiten eines immer aktiveren Umweltschutzes, einer neu entdeckten Biodiversität, aber auch als Bewahrer alter Obstsorten für den Erhalt und die Neuanlage von Streuobstflächen. Je nach Land gibt es unterschiedliche Förderprogramme für die Anlage und Pflege von Streuobstwiesen.
© Wildmeister Matthias Meyer | Der eher niedrige und unregelmäßige Grasbestand ist ein ideales Hasenbiotop.
Basis für eine Streuobstwiese
Die erste große Hürde, die es bei der Planung zu nehmen gilt, ist die Suche nach einem geeigneten Grundstück. Zum einen kann nur der Eigentümer Förderanträge stellen und Zuschüsse bekommen, zum anderen sind für den „Erfolg“ des Projekts die Lage und die Standortbedingungen, grundlegend für das Gedeihen der Obstbäume, entscheidend. Ein idealer Platz dafür ist eine hanglagige, sonnenbeschienene, schon länger extensiv genutzte Wiese auf einem humusreichen, Wasser durchlässigen sandigen Lehmboden. Eine zudem Wind geschützte Lage rundet die Idealvorstellung ab. Ungünstige Voraussetzungen sind Schattenstandorte, schwere, staunasse Böden und Hochlagen, die oft windig und kalt sind. Ebenso wenig eignen sich Mulden und Tallagen sowie Flächen am Hangsockel, da hier gerne Bodenfröste zusammenströmen bzw. über eine lange Zeit Wasser aus dem Hang zusammenläuft. Zwar kann man über die Sortenwahl den einen oder anderen Standortfaktor in seiner Negativwirkung abfedern, doch immer wiederkehrende Beeinträchtigungen führen auf die Dauer zum Absterben der Obstbäume.
© Wildmeister Matthias Meyer | Der regelmäßig anfallende Obstbaumschnitt sollte in einer Streuobstwiese nicht gehäckselt werden. Wir legen ihn auf kleinen Haufen in der Baumreihe ab. Die Spiegelrinde der frischen Wasserreiser wird bei Frost vom Hasen geschält. Der Rest wächst im Altgras ein und wird so zur Überwinterung für Igel, Echsen und Schlangen sowie Kleinnager.
Der Pflanzplan macht es deutlich
Machen Sie sich am besten vor Beginn der Aktion Streuobstwiese einen Pflanzplan auf einer Flächenskizze oder einem Messtischblatt 1:1.000. Er veranschaulicht Ihnen nicht nur das Projekt in Bezug auf Pflanzabstände und Sortenverteilung, sondern Sie benötigen Ihn sowieso, wenn Sie später den Förderantrag stellen. Je nachdem welche Obstsorten und ggf. begleitende Heckensäume oder Buschgruppen Sie anlegen wollen, fallen die Pflanzabstände unterschiedlich aus. Für Apfel-, Birn- und Walnussbäume sollten zehn bis zwölf Meter Abstand einkalkuliert werden. Für Pflaumen, Kirschen und Wildobst können die Abstände ruhig etwas weniger betragen, da deren Kronen nicht so ausladend werden. Wer unbedingt den Kronenschluss im späteren Alter der Bäume vermeiden will, damit die Fläche häufiger von Wildbienen beflogen wird oder sich die Pflege des Grasaufwuchses einfacher gestaltet, kann auch gerne auf zwanzig Meter erweitern. Gesetzliche Vorschriften an den Grundstücksgrenzen sollten im Pflanzplan ebenfalls Berücksichtigung finden. So schreiben einige Länder Mindestabstände zu benachbarten Grundstücken oder zu Fahrstraßen vor. Ob wir die Obstbäume nun streng ordentlich nach Reih und Glied setzen oder willkürlich auf der Fläche verteilen, bleibt letztendlich eine Geschmacksfrage. In jedem Fall markieren wir die zukünftigen Pflanzlöcher für ein effektives Arbeiten.
© Wildmeister Matthias Meyer | In der modernen Landwirtschaft haben diese alten Baumruinen keine Überlebenschance. Sie nehmen nur Platz weg. In alten Streuobstanlagen sind sie wesentliche Schlüsselelemente.
Artenvielfalt ist gefragt
Anhand des Pflanzplanes können Sie nun einfach auch eine Materialliste erstellen. Der Apfel ist sicherlich der Charakterbaum einer Streuobstwiese und sollte mit rund zweidrittel in der Gesamtzahl berücksichtigt werden. In der Regel ist er nicht besonders anspruchsvoll an die Standortverhältnisse und kommt in einer großen Sortenbreite mit unterschiedlichen Reifezeiten vor. Insbesondere spät reife Früchte sind für viele Vögel und das Wild wertvoll. Zudem leben von und an ihm besonders viele Tierarten. Apfelbäume haben ein eher weiches Holz. In den Aststümpfen alter Bäume entstehen so leicht Bruthöhlen für Vögel, Fledermäuse und Großinsekten wie Bienen oder Hornissen. Je nach Geschmack oder Witterungsverhältnisse können Birnen, Kirschen, Pflaumen, Quitten oder Pfirsiche den Obstbaumanteil komplettieren. Aber auch Wildobst, Speierling, Elsbeere und Maulbeere sowie Walnuss können interessante Ergänzungen sein. Letztere sind besonders für Insekten und Waldvögel attraktiv. Bei der Sortenauswahl für eine Streuobstwiese konzentrieren wir uns auf alte, robuste und pflegeleichte Arten, damit sie nicht irgendwann verloren sind und nur mehr museale Bedeutung haben. Wir sollten auf jeden Fall bei der Auswahl der Obstbäume beachten, dass die meisten zweihäusig sind. Sie benötigen als Fremdbefruchter jeweils eine andere Sorte in ihrer Nähe, um später Früchte zu tragen. Sonst haben wir zwar eine wunderschöne Blüte, aber nie Früchte. Je nach Größe der zur Verfügung stehenden Fläche können wir noch Gruppen von Früchten und Beeren tragenden Sträuchern im Randbereich der Streuobstwiese oder ebensolche Heckensäume einplanen, die nicht nur weitere Artenvielfalt bedeuten, sondern zudem die Streuobstwiese und ihre Bewohner gegen Witterung, Sicht und Betreten abschirmen.
© Wildmeister Matthias Meyer | Wenn sich bestimmte Ameisenarten in einer Streuobstwiese etablieren, wird auch der Wendehals nicht lange auf sich warten lassen.
Die richtige Pflanzung
Am besten bin ich damit gefahren, die Bäume im Herbst nach dem Laubfall zu pflanzen. So kann der Baum auf die, absolut gemessen, deutlich höhere Niederschlagsmenge im Winter zurückgreifen als in einem trockenen Frühjahr, so wie wir sie gehäuft in den letzten Jahren beobachten konnten. Da Obstbäume zumeist wurzelnackt geliefert werden, fehlt der die feinen Wurzeln schützende Ballen. Umso wichtiger ist die Beschaffenheit des Pflanzlochs. Mit einem Erdbohrer kann man die Erde feinkrümelig herausarbeiten. Ist der Boden trocken genug, funktioniert das gut und wir verdichten obendrein nicht mit dem Bohrer den Boden und die Seitenwand des Pflanzlochs. In das großzügig (doppelt so groß wie der Wurzelballen) ausgehobene Loch legen wir am besten einen Korb aus unverzinktem Draht, um Anfangsschäden durch Wühl- und Schermäuse zu unterbinden. Zuunterst füllen wir nun etwas feines Erdreich ein und stellen das Bäumchen gerade ins Loch. Wichtig ist dabei, dass die bodennahe Veredelungsstelle auf gar keinen Fall mit eingegraben werden darf, sondern etwa eine Handbreit herausschaut. Mit möglichst feinem Erdreich füllen wir nun das Pflanzloch, drücken die Erde an und schwemmen sie etwa mit einer Gießkanne (10 Liter) voll Wasser ein, damit sich alle entstandenen Hohlräume füllen. Anschließend geben wir nochmals genügend Erdreich auf die Pflanzstelle. Zum Schutz gegen Nage- und Fegeschäden stülpe ich über die zarten und biegsamen Ästchen der Krone eine Tubex- Röhre, da sie in der Regel schmäler zu falten sind als die abstehenden Wurzeln. Dieser Einzelschutz kann mit Kabelbindern an Pflanzstäbe gebunden werden und sichert den Aufwuchs mehrere Jahre gegenüber Nagern und Schalenwild. Ab einem gewissen Stammdurchmesser bricht die Röhre entlang einer Sollbruchstelle auf oder kann dort geöffnet und entfernt werden. Je nach Beeinträchtigung durch Wild variieren die Schutzmaßnahmen vom einfachen Befestigungspfahl (etwa einen halben Meter neben dem Baum) über die Tubex- Lösung bis hin zu einem festen dreibeinigen Pfahlgestell mit Drahteinfassung, wenn Rotwild im Revier vorkommt oder die Beweidung der Streuobstfläche angestrebt wird.
Je nach Dimension des Projekts lohnt es sich, die Pflanzlöcher mit einem Erdbohrer auszuheben. Diese gibt es montiert am Traktor, nach dem Schubkarrenprinzip oder als Handgerät für zwei Personen. Die Geräte kann man über örtliche Landschaftsgärtner, Bauhöfe der Kommunen oder über Maschinenringe kostengünstig ausleihen.
© Wildmeister Matthias Meyer | Die größeren Wurzeln schneiden wir mit der Baumschere schräg an. Das erleichtert die anfängliche Wasseraufnahme und regt das Zellwachstum an.
© Wildmeister Matthias Meyer | Wichtig ist, dass sich die Veredelungsstelle noch deutlich über dem Erdreich befindet.
© Wildmeister Matthias Meyer | Mit einem oder mehreren Holzstäben fixieren wir den jungen Obstbaum. Die Wahl des Einzelschutzes und der Stabilisierung hängen stark vom Wild- und Viehbestand ab, der sich auf der Fläche einfinden kann.
© Wildmeister Matthias Meyer | Zum Schluss erhält der Baum den Pflanzschnitt. Er führt im ersten Jahr zu einer gedrosselten Verdunstung und stärkeren Ausbildung des Wurzelwerks. Grundsätzlich orientiert er sich am Ausmaß des Wurzelballens. Der Schnitt muss immer knapp über einer nach auß3n gerichteten Knospe erfolgen.
Die Qual der Wahl
Die Zucht von Obstsorten hat eine lange Tradition in einer Kulturlandschaft. Das Bundessortenamt in Deutschland schätzt allein die Zahl der Apfelsorten auf mehr als 2.000 Sorten.
Für die Anlage unserer Streuobstwiese filtern wir das Angebot nach den vorliegenden Standortbedingungen, den angestrebten Reifezeiten, einer angestrebten Nutzung und dass einige gute Pollenspender unter den ausgewählten Sorten sind. Es ist auch sicherlich erstrebenswert, auf alte, zum Teil bereits vom Aussterben bedrohte Sorten zurückzugreifen. Sie sind häufig deutlich widerstandsfähiger als spezialisierte Zuchtformen jüngerer Zeit. Wer nebenbei Wert auf lokale Apfelsorten legt, leistet zudem einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Heimatpflege.
Wo man welche Sorten beziehen kann, darüber können sicherlich die Ämter für Landwirtschaft, Gartenbauvereine oder auch Baumschulen Rat geben. Sicherlich gibt auch das Internet Auskunft über alte und lokale/ regionale Apfelsorten. Sinnvoll kann sicherlich auch die Beschaffung des Pflanzmaterials bei ortsansässigen Pflanzschulen sein.
Streuobstwiesen sind zwar pflegeleicht, doch ohne geht es nicht
Soll sich der gewünschte Erfolg hinsichtlich der Artenvielfalt unserer Streuobstwiese einstellen, fallen gelegentliche Pflegearbeiten an. Dazu sollten wir uns einen an den Jahreszeiten orientierten Pflegeplan erstellen.
Frühjahr
- Kontrolle auf Wildverbiss und Wühlmausbefall
- Ansitzstangen für Greifvögel und Eulen stellen
- Neuanpflanzungen ggf. wässern
- Baumschnitt bis zum Austreiben durchführen
Sommer
- Neuanpflanzungen bei Trockenheit bewässern
- Wasserreiser am Stamm und Wurzel entfernen
- Veredlungsstelle freihalten
- Anbinde- und Einzelschutzvorrichtungen auf Einwachsen kontrollieren
- Graswuchs am Stamm kurzhalten, Gefahr durch Wühlmäuse
- Grasmahd möglichst spät, da Blühpflanzen aussamen können, Bodenbrüter schützen
- Ernte bei der Kirsche
Herbst
- Kontrolle Wildverbiss und Nager
- Baumschnitt bei Kirsche und Walnuss
- Äste auf Reisighaufen stapeln als Winterquartier für Igel, Nager und Schlangen
- Nistkästen reinigen
- Neue Nistkästen anbringen
- Ernte bei Apfel, Birne und Walnuss
Winter
- Kontrolle Wildverbiss und Nager, ggf. Wurzelansatz bandagieren
- Baumschnitt bei Kern- und Steinobst von Januar bis Austrieb bei Frostfreiheit
- Prossholz für Wildäsung belassen















