Wildfreundliche Gestaltung von Gewässerrandstreifen

Das größte Problem für die Niederwildarten besteht darin, dass die moderne Landwirtschaft in Zusammenarbeit mit den Flurbereinigungsbehörden für große Flächeneinheiten und immer weniger Deckungsstrukturen in der Vergangenheit gesorgt hat. Fehlende Grenzlinien, in Verbindung mit einem flächigen Mangel an Wildkräutern und Blühpflanzen nehmen den Niederwildarten und Bodenbrütern Lebensraum und Nahrungsgrundlage. Nun zeigen sich zumindest entlang von Bächen und Flüssen wieder Strukturen, die viele Revierinhaber von Feldrevieren hoffen lassen. 

In Folge des Volksbegehrens „Rettet die Bienen“ in Bayern wurde 2019 auch eine Ergänzung zu den Gewässerrandstreifen im Bayerischen Naturschutzgesetz festgelegt, nach der eine garten- oder ackerbauliche Nutzung entlang natürlicher oder naturnaher Gewässer in einer Breite von mindestens fünf Metern zur Uferlinie verboten ist. Mit finanziellen Anreizen fördert der Freistaat zudem freiwillige Agrarumweltmaßnahmen wie eine Ausweitung der Gewässerrandstreifen im Rahmen des Kulturlandschaftsprogramms (KULAP) oder des Vertragsnaturschutzprogramms (VNP). Neben wichtigen Puffer- und Filterfunktionen verspricht eine damit verbundene Korridorfunktion neue Lebensräume auch für Niederwildarten, Möglichkeiten zum Austausch und mancherorts eine weitere Vernetzung bestehender Trittsteinbiotope in der Feldflur.  

Auf Bundesebene sieht das Wasserhaushaltsgesetz zwar eine Mindestbreite von fünf Metern vor, die sogar ohne behördliche Begründung unterschritten oder aufgehoben werden darf. Zudem können Dünge- und Spritzmittel bis an den Uferrand ausgebracht werden. Nur in wenigen Bundesländern sind bisher ausreichend breite Gewässerrandstreifen mit einem Dünge- und Pflanzenschutzmittelverbot gesetzlich vorgeschrieben. Doch ohne eine genügende Breite kann der natürliche Gewässerrandstreifen seine ökologische Aufgabe zur Reinhaltung des Wassers nicht erfüllen. Sinnvoll wäre nach Ansicht von Experten eine Mindestbreite von zehn Metern. 

Gewässerrandstreifen sind gesetzlich festgelegte Schutzstreifen an Fließgewässern und stehenden Gewässern. Sie dienen in erster Linie als Pufferzone zwischen den intensiv genutzten Agrarflächen und dem sensiblen Gewässer. Sie sollen schädliche Einträge und Auswaschungen durch Dünger und Pflanzenschutzmittel filtern. Dazu müssen sie aber über eine für diese wichtige Aufgabe ausreichende Breite verfügen. Darüber hinaus helfen sie mit ihrem Bewuchs, die Bodenerosion zu unterbinden.  


© Wildmeister Matthias Meyer | Die unterschiedlichsten Wasservögel wie Enten, Gänse, Schreitvögel und Limikolen, aber auch der Schwarzstorch finden sich an einem intakten Gewässerrand ein.

Naturnahe Fließgewässer mit breiten Uferrandstreifen und idealerweise auch Aue Zonen können einerseits große Wassermengen vorhalten und entschärfen andererseits die Flutwelle bei Hochwasser. Werden die Gewässerrandstreifen wie vorgesehen nicht oder nur extensiv durch eine späte Mahd genutzt, entstehen wieder strukturreiche Ufer. Bäche und Flüsse sind nun nicht mehr primär für die Hochwasserabführung degradiert, sondern erhalten durch den Saumbereich einen Großteil ihrer ursprünglichen Aufgaben zurück. So entsteht Raum für eine natürliche Entwicklung von Gewässer und Uferbereich.  

© Wildmeister Matthias Meyer | Ein Bachlauf entlang unterschiedlicher Grundstückseigentümer. Eine breite Hecke beschattet den Oberlauf…

© Wildmeister Matthias Meyer | …dann schließt sich ein eher dürftiger Gewässerrandstreifen an…

© Wildmeister Matthias Meyer | …, der dann weiter unten wieder durch einen dichten Röhrichtstreifen gesäumt wird.

Die neu entstehenden Saumbiotope bieten vielen Tier- und Pflanzenarten wertvolle Lebensräume und stellen in der durch intensive Landwirtschaft und Siedlung bestimmten Kulturlandschaft wichtige Rückzugsgebiete insbesondere auch für seltene Arten dar.  

Ein vor allem für die Jagd wertvoller Aspekt ist die Tatsache, dass sich mit genügend breiten Gewässerrandstreifen für manche Reviere sehr lange lineare Strukturelemente ergeben, die zum einen unterschiedliche Lebensräume vom Wald über verschiedene landwirtschaftliche Kulturen bis hin zu geschaffenen Wildeinständen mit dem Gewässer verbinden und sich zum anderen als Wanderkorridore für unzählige Arten unverzichtbar machen. Leider ist das allgemeine Verbundsystem von Lebensräumen in Feldrevieren nur noch rudimentär auf wenige Remisen oder Hecken als vollwertiger Einstand aufgrund der intensiven Nutzung sämtlicher Flächen hierzulande geschrumpft. Umso erfreulicher ist der nun hoffentlich in Aussicht stehende Durchbruch mit ausreichend Gewässerrandstreifen, die die Reviere durchziehen werden. 


© Wildmeister Matthias Meyer | Fehlen die Uferrandstreifen völlig, fehlt auch das Niederwild. 

Unbestritten ist auch das mit zunehmender Entwicklung von Strauch- und Baumschichten stabilere Kleinklima entlang der Gewässer. Insbesondere die langanhaltende Beschattung durch das Ufergehölz verringert den Anstieg der Wassertemperatur, unterdrückt das Ausbilden von schädlichen Algenteppichen und verbessert spürbar die Lebensqualität der heimischen Fischbesätze. Selbst für kleine Bäche und Gräben bringt die Beschattung durch stabile Stauden wie Mädesüß, Rainfarn und Große Karde deutliche Vorteile, denn auch hier reduziert sich der Bestand an Fischen, Krebstieren und Amphibien, wenn das Rinnsal der vollen Sonne im Sommer ausgesetzt ist.  


© Wildmeister Matthias Meyer | Bepflanzungen von Gewässerrandstreifen gehören auf die Südseite. Nur so beschatten sie das Wasser ausreichend.

Für die angrenzenden landwirtschaftlich angebauten Feldfrüchte bestehen ausgehend von dem strukturierten Gewässerrand zunehmend Vorteile. Als Windschutzstreifen erhöhen sie nämlich in ihrem direkten Umfeld den Feuchtigkeitsgehalt von Luft und Boden, regulieren Beschattung und Sonne und gewähren durch die hohe Artenvielfalt an Insekten, Vögeln und Säugetieren eine ausgeglichene, kostenlose biologische Schädlingsbekämpfung innerhalb der Nahrungskette.  


© Wildmeister Matthias Meyer | Den direkten Übergang vom Rand des Saumes zur Agrarsteppe nutzen die Rebhühner. Sie finden mit den breiten Gewässerrandstreifen ideale lange lineare Deckungsstrukturen mit wertvoller Äsung vor.

Eine immer aufwendige und kostenintensive Maßnahme ist die jährliche Pflege von Gewässern, insbesondere von Gräben und Vorflutern in der Landwirtschaft, wie man den Jahresberichten der Dränverbände entnehmen kann. Ist der Gewässerrandstreifen erst einmal ein paar Jahre alt und haben sich die standorttypischen Pflanzen und Tiere eingestellt, erübrigt sich, zumindest reduziert sich, der Aufwand für die Gewässerpflege. Allein durch die günstige Beschattung der Ufergehölze entfällt das lästige Ausmähen. Zudem verhindert natürlich auch der deutlich abgepufferte Nährstoffeintrag ein zu üppiges Pflanzenwachstum im Gewässer und an dessen Ufer. Wenn die Uferrandstreifen ausreichend breit erhalten und gestaltet werden, sind Pflegeeingriffe allenfalls nur zur Lenkung einer angestrebten Biotopentwicklung notwendig. Selbst vom Biber gefällte Bäume dürften innerhalb der Zonierung bleiben und landwirtschaftliche Flächen nicht beeinträchtigen. 


© Wildmeister Matthias Meyer | Biber sind in weiten Teilen des Landes ein Erfolgshit des Naturschutzes. Eng an Gewässer gebunden, treten Fraßschäden und seine Bautätigkeiten in direkten Konflikt mit Land- und Forstwirtschaft, wenn Wirtschaftsflächen direkt ans Gewässer grenzen.

Wo Nutria und Biber die Gewässer besiedeln, entwickeln sich schnell Konfliktsituationen. Das trifft insbesondere dort zu, wo für beide Nagetierarten schmackhafte Feldfrüchte wie Mais, Rüben oder Weizen direkt bis zur Uferkante angebaut werden. Neben teilweise großflächigen Fraßschäden verwendet insbesondere der Biber die langen Mais- und Weizenstängel als Baumaterial in seinen Dämmen oder der oberirdischen Burganlage. Ein weiteres ernstes Problem stellt die Anlage der Erdbauten dar. Nicht selten werden die Röhren, Rutschen und Kessel bis zu acht Meter weit in die Uferböschung gegraben. Damit die Kessel später auch bei Hochwasser noch trocken liegen, befinden sie sich nicht weit unter der Erdoberfläche. Wird die betroffene Acker- oder Wiesenfläche in Ufernähe mit schweren Maschinen befahren, brechen diese ein. Achsbruch und Umwerfen ins Gewässer sind bereits keine seltenen Ereignisse mehr. Doch es müssen nicht immer der schwere Traktor oder Rübenroder sein, oftmals reichen schon Verletzungen beim plötzlich einbrechenden Weidevieh aus, um auf die großen Wassernager schlecht zu sprechen zu sein. Mit entsprechend breiten Gewässerrandstreifen kann dem Großteil des Konfliktpotentials so die Luft herausgelassen werden, denn die Nagetiere halten sich im Wesentlichen in direkter Wasser-/ Ufernähe auf, um ihre Baue zu graben und Äsung aufzunehmen. Weite Anmarschwege über Land sind die Ausnahme. 

© Wildmeister Matthias Meyer | Trotz des breiten Wiesenweges scheint dem Biber der Weg in den schmackhaften Weizen lohnenswert. 

Die Gestaltung der Gewässerrandstreifen 

Ausgehend vom Idealfall entspricht die Breite des Gewässerrandstreifens dem natürlichen Entwicklungspotential, was wir an dem Gewässertyp vorfinden würden, der ursprünglichen Gewässeraue mit unterschiedlich breiten Ausbuchtungen. Das ist aber in der heutigen Kulturlandschaft nur an wenigen Standorten in der Praxis vorstell- und umsetzbar. Doch selbst ein schmaler Uferrandstreifen ist immer noch besser für das Gewässer und den Wanderkorridor als jegliche direkte Zonierung von Intensivanbau und Gewässer. Richtwerte gehen von bis zu fünf Metern Breite entlang von Bächen und Gräben aus, von fünf bis zehn Metern bei Fließgewässern 2. Ordnung, also mittelgroßen Fließgewässern und einer Breite von mindestens zehn, besser 15 Metern bei großen Flüssen, wenn man für eine Entwicklung von Ufergehölzen ausgeht. Für den primären Gewässerschutz gegen Dünger- und Pflanzenschutzeintrag dürfen je nach Gewässerbreite fünf bis zehn Meter keinesfalls unterschritten werden, insbesondere an Hangexponierten Uferbereichen oder nackten Ackerböden, von denen Boden abgeschwemmt werden kann. In den Gewässerrandstreifen gehören hauptsächlich Ufergehölze, bestehend aus Erlen- und Weidenarten, ggf. auch Pappeln. Dazu eignen sich stabile Hochstaudenfluren und Schilfbestände. Sinnvoll kann wie bei der Anlage von Hecken und Remisen eine zur landwirtschaftlichen Fläche abflachende Stufenbildung sein. Als direkten Übergang zwischen den Hochstauden/ Schilf und der Ackerfrucht liegt ein mehr oder weniger breiter Streifen Grünland, der mit einem späten Mähzeitpunkt genutzt werden kann und auch sollte. Das stufige Saumprofil sieht die Bäume am Wasser, einem angrenzenden Strauchgürtel, gefolgt von den Hochstauden wie Mädesüß und Sumpfkratzdistel auslaufend ins Grünland. So wird gleichzeitig die Lebensraumvielfalt gefördert und eine zu starke Beschattung der genutzten Nachbargrundstücke verhindert.  

Ergibt sich die Möglichkeit zu einer Neuanlage, kann ein Abschieben des bis dahin nährstoffreichen Oberbodens der natürlichen Sukzession nur förderlich sein. Wem die natürliche Entwicklung zu langsam geht, wird durch eine Pflanzung mit standortgerechten und heimischen Arten nachhelfen. Die krautigen Ufersäume kommen oftmals ebenfalls mit einiger Geduld von selbst. Doch auch hier kann mit dem Ausbringen von Rhizomen von Schilf und Rohrkolben einzeln, aber auch flächig mit der Baggerschaufel nachgeholfen werden. An nicht zu nassen Stellen hat sich das Aussäen von Rohrglanzgras sehr bewährt. Es gedeiht nahezu überall, stellt keine großen Ansprüche an die Bodenqualität und spätestens ab dem zweiten Jahr wachsen herrliche Bestände an knie- bis bauchhoher lockerer schilfähnlicher Deckung. Insbesondere im Fasanenrevier eignet es sich als Deckung für viele Jahre. Für den extensiv nutzbaren Grünlandstreifen sollten Gräser und Kleearten Verwendung finden, die zum einen mit einer breiten Durchwurzelung das Erdreich gegen Ausschwemmen sichern, zum anderen aber auch viel Nährstoffe aus dem benachbarten Feld aufnehmen und verwerten. Neben der extensiven späten Nutzung als Heu gewähren die Streifen frische Äsung für Hase und Reh, aber auch später Brutplatz für Ente, Rebhuhn und Fasan. 


© Wildmeister Matthias Meyer | Auch der Hase nutzt den Übergang zu den landwirtschaftlichen Flächen häufig. Gute Deckung findet er selbst, wenn das Rohrglanzgras im Winter zusammenbricht.

An Wiesengräben und Bächen sind die Saumbereiche aus Hochstauden wie Mädesüß standortgerecht. Meist kommen sie rasch von selbst, wenn auf ein ständiges Ausmähen verzichtet wird. Die Beschattung der schmalen Wasserläufe ist damit vollkommen ausreichend. Auf eine Bepflanzung mit Sträuchern und Bäumen sollte ohnehin besonders in Wiesenbrütergebieten verzichtet werden, um zum einen den gewollt offenen Landschaftscharakter nicht zu beeinträchtigen, aber auch, um nicht unnötigerweise zusätzlichen Fressfeinden Vorschub in Form von Ansitzwarten und Horstbäumen zu gewähren. In stehenden oder nur langsam fließenden Gewässern eignen sich Röhrichte und Rohrkolben als beste Deckung. 


© Wildmeister Matthias Meyer | Breite Schilfgürtel sind der bevorzugte Lebensraum der Rohrweihe. Aber auch im Übergang zu den landwirtschaftlichen Flächen jagen die Weihen nach Kleinsäugern und Bodenbrüterküken.

Je vielfältiger die Geländestrukturen und die Pflanzengesellschaften sind, umso interessanter sind die Lebensräume für die Tierwelt. Lücken in der Ufervegetation geben sonnige Plätze frei, die von Insekten und Jungtieren zum Sonnen und Trocknen aufgesucht werden. Kleine stehende Gewässer und flache Tümpel, die nur zeitweise Wasser führen werden zu geeigneten Amphibienbiotopen. Aber auch anfallendes Totholz durch Biberfällung steigert die Artenvielfalt. Steilufer und Uferabbrüche ergeben je nach Dimension ideale Möglichkeiten für die Brutröhren von Eisvogel, Uferschwalbe und Bienenfresser. Diese besonderen Strukturen gilt es zu erkennen, zu bewahren und zu fördern. 

Mit den Jahren entstehen hier neue Kleinode für eine reichen Artenvielfalt – nicht nur von vielen Niederwildarten wie Fasan, Hase und Wasserwild, sondern insbesondere auch für viele nichtjagdbare Vögel, Säugetiere, Amphibien und Insekten. Seltene Arten finden Refugien oder können zumindest in Schutz und Anlehnung Gebiete durchstreifen und den Austausch mit anderen Populationen erreichen.  


© Wildmeister Matthias Meyer | Intakte, deckungsreiche Saumbiotope entlang von Gewässern mit hoher Qualität und Fischreichtum nutzt der in den letzten Jahren stark zunehmende Fischotterbestand zu ausgiebigen Wanderungen.

Eichen, Erlen und Weiden als Vertreter der Hart- und Weichholzaue spenden der Fischfauna im Gewässer den notwendigen Schatten und dienen vielen Vögeln als Singwarte, Brutplatz oder Futterlieferant. Abgeschirmt durch den breiten undurchdringlichen RöhrichtBereich und Brennnesseln entwickelt sich entlang des Gewässers eigenes heimliches Leben, geschützt vor dem Menschen, der außerhalb seine Felder bestellt oder die Freizeit in zunehmendem Maße genießt. Die Ausweitung von Gewässerrandstreifen bietet eine einmalige Chance für die Artenvielfalt, denn die Natur  gerade in der Kulturlandschaft – braucht mehr als eine Pufferzone. Sie braucht Raum, wenn sie sich wieder entwickeln soll. 

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